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Hans Geisslhofer

Die Entstehungsgeschichte, Aus- und Nachwirkungen des Buches „Der Kältesee“

25. Mai 2023/in Buch Kältesee/von Hans Geisslhofer

Mein Bruder Alois († 2020) und ich wuchsen scheinbar unbehelligt von den Ereignissen, die sich in meiner Familie vor unserer Geburt zugetragen hatten, am Bauernhof unseres Vaters auf. Nur sein Zorn auf alle „Politiker“ und die Melancholie meiner Mutter hinsichtlich ihres verlorenen Status und dem enteignetem Gut waren immer spürbar gewesen.

Nach meiner Matura im Mai 1968 in St. Pölten, kam ich mit Freunden und Klassenkameraden oft und gerne ins heimatliche Lunz zurück, bestieg die umliegenden Berge und genoss den See. Aber es zog mich schon damals immer wieder hinaus in die Welt, in den Ferien trampte ich per Autostopp nach Italien, wo ich auch den Stromboli bestieg.

Hans Geisslhofer als Student am Krater des Strombolis, 1972

In den folgenden Jahren engagierte ich mich aktiv politisch sehr für die Dritte Welt, durfte schon während meiner Studienzeit an einer Arbeitsbrigade in Kuba teilnehmen und reiste bald danach für die Entwicklungshilfe nach Afrika, wo ich ein anstrengendes aber erfülltes Leben führte. Aus heutiger Sicht denke, ich, dass ich damals zum Teil auch unbewusst dem Familientrauma entfliehen wollte.

Erst als meine Mutter 2004 starb, fand ich in ihrem Nachlass viele Schachteln voller Briefe aus der NS-Zeit, aus denen hervorging, dass sie und ihre Geschwister oft nach Berlin gefahren waren, um eine „rassische Rückstufung“ erwirken zu können. Ebenso ging aus ihnen hervor, dass ein Kaufvertrag, den Familienbesitz Kyrnberg in Phyra betreffend, mit dem Gauleiter Hugo Jury aufgesetzt war, mit dem zunächst alles in Ordnung schien. Das hatte mich erstaunt, denn es war zwar offensichtlich, dass die Familie die Nazis überlebt hatte, jedoch das Gut Kyrnberg war weder im Familienbesitz, noch wurde jemals ein Kaufpreis erstattet. Nach dem Krieg war es zuerst von den Sowjets beschlagnahmt und danach an das Land Niederösterreich übertragen worden. Einfach so, als ob es niemals Vorbesitzer gegeben hätte. All das war sang und klanglos in Vergessenheit geraten – bis ich begann die Korrespondenz und Unterlagen meiner Mutter aufzuarbeiten.

Durch meine fast 20-jährigen Recherchen und mit unentgeltlicher Hilfe eines akribischen lokalen Historikers wurde der Fall noch zwischen 2019 und 2022 neu aufgearbeitet: Hintergrund dazu war, dass zu Beginn der 2000er Jahre von der damaligen Regierung, auf Druck der USA, ein Entschädigungsfonds eingerichtet wurde, der solche Fälle begutachtete. Ich reichte dort 2006 eine Darstellung ein, bekam aber 2012 eine Ablehnung meines Ansuchens, obwohl ich viele Beweismaterialien beigefügt hatte. 2016 wurde die Angelegenheit dann von der engagierten Filmemacherin und ehemaligen ORF Redakteurin Burgl Czeitschner in ihrem Film „Let’s keep it“ / Der Fall Kupelwieser diskutiert.

In der Zwischenzeit hatte ich bereits auch mein Buch „Der Kältesee“ veröffentlicht. Darüber auf mich aufmerksam geworden, kontaktierte mich Wolf Garcia, ein frühpensionierter Staatsschutz-Kommissar aus Salzburg, welcher parallel zu den Massakern an Gefangenen und Zwangsarbeitern im südlichen Mostviertel/Niederösterreichs, zwischen Göstling, Lackenhof, Gaming und Scheibbs forschte. Dort hatten sich die Reste der deutschen Wehrmacht konzentriert, um noch nach dem Tode Hitlers seinem letzten Befehl Rückzug in die Alpenfestung Folge zu leisten. Als ihnen dann die Amerikaner angeboten hatten, sich ohne Waffen und Munition über die Enns in den amerikanischen Sektor zu ergeben, versenkten sie all das im Lunzer See und den umliegenden Flüssen. Und die Gefangenen wurden kurzerhand erschossen und vergraben. Mein Mitstreiter konnte zwar keine Überreste mehr finden, aber viele verborgene Hinweise, dass manche Skelette erst 1955 nach dem Staatsvertrag klammheimlich „entsorgt“ worden waren.

Da Frau Czeitschner in ihrem Film das tragische Ende des Gauleiters erwähnt hatte: Selbstmord am 9.5.1945, in Zwettl, seitdem verscharrt an der Außenseite des dortigen Friedhofs, ergab sich mir bei der Gelegenheit die Frage, ob auch er immer noch dort ruhte. Zu meinem Erstaunen fand ich jedoch einen Eintrag im Internet, laut dem er seit 1955 im Zentralfriedhof begraben sei. So forschte ich weiter und tatsächlich liegt er dort mit seiner Frau Karoline und dem Ehepaar Fehringer, ohne seinen Titel als Gauleiter oder sonstige Hinweise auf sein Leben.

Grabstein des Gauleiters Jury und eines Euthanasie-Gutachters. © H. Geißlhofer 2023

Und siehe da, genannte Gertrude Fehringer war die Tochter des Gauleiters, somit war Dr. Fehringer sein Schwiegersohn. Eine weitere Recherche ergab, dass ebendieser Arzt Anton Fehringer als Leiter eines Sanatoriums Gutachter für die Euthanasie-Verbrechen der Nazis war. Dort wurden im Schnellverfahren mittels einfacher Bewertungsbögen („Begutachtung in den Tod“ – Das Meldebogenverfahren, Seite 55) behinderte Kinder und Jugendliche in den Tod geschickt und diese Arbeit wurde mit einigen hundert Reichsmark großzügig honoriert. Bei weiterer gründlicher Suche fanden wir heraus, dass Fehringer ab 1938 vom Gauleiter Jury zum Leiter des arisierten Sanatoriums in Rekawinkel bestellt wurde, und auch Leiter der Abteilung für Erb- und Rassenkunde im Reichsgau Niederdonau war (die Deportationen behinderter Minderjähriger sollen zwar 1941 wegen dem dadurch verursachten Unmut in der Bevölkerung wieder eingestellt worden sein).

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2004

Fazit: Während der Besatzungszeit wäre eine Umbettung aufgefallen, erst danach wurde sie möglich. So ruhen friedlich zwei schlimme Nazi-Kriegsverbrecher friedlich am Zentralfriedhof. Den Titel Gauleiter hat man dabei vorsichtshalber weggelassen – die Identität von Opfern und Tätern wurde gleichermaßen vollkommen verdrängt!

NEUE BEWERTUNG UND AUFARBEITUNG DURCH HISTORIKER IST ERFORDERLICH
Alles wirft ein vernichtendes Licht auf die Familie des Gauleiters, diese Verbrechen waren nur durch seine persönliche Unterstützung möglich! Ebenso wie bei unserer verhinderten Entschädigung wurde auch dabei seit nunmehr 8 Jahrzehnten absolut nichts aufgearbeitet.

Im „Let`s keep it“-Ausschnitt zu meinem Fall sagt Prof. Aicher von der Schiedsinstanz des Allgemeinen Entschädigungsfonds er würde sich bei mir entschuldigen (wofür?) aber ich hätte eben nicht verstanden, dass der Gauleiter zwar in einem Unrechtsstaat wie dem Nationalsozialistischen agiert hatte, aber eben doch in einem so strengen System, welches es ihm gesetzlich nicht erlaubte, unser Gut Kyrnberg für sich zu enteignen. Also getarnt durch einen Fake-Kaufvertrag, den er einer jüdisch-stämmigen Familie abgepresst hatte ohne die Kaufsumme zu bezahlen. Somit wäre dieser jedenfalls entlastet, also folglich ich im Unrecht und hätte somit keine Forderung auf Entschädigung zu stellen!

EIN BEKENNTNIS ZUR ÖFFENTLICHEN VERANTWORTUNG ALS RECHTSNACHFOLGER DIESER VERBRECHERISCHEN NS-VERWALTUNG STEHT NOCH AUS.
Das Schicksal unserer Familie verdient eine detaillierte gründliche Untersuchung. Kein Rechtsweg kann mehr beschritten werden und offiziell ist eigentlich alles verjährt. Es war ein außergerichtliches Verfahren, aber da diese Schiedsentscheidung nur eine Empfehlung war, liegt der Ball nunmehr beim Land Niederösterreich.

Mir selbst geht es darum, jede willkürliche Verdächtigung eines eventuell unlauteren Motives zu verbieten.

Der Landesregierung würde ich jedoch eindringlich empfehlen, alles zu unternehmen, damit man durch Wegschauen nicht unter Verdacht der Verharmlosung des Nationalsozialismus gerät!

So könnte man danach vielleicht zu einer einvernehmlichen Lösung kommen.

https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg 0 0 Hans Geisslhofer https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg Hans Geisslhofer2023-05-25 08:00:162023-07-04 11:15:10Die Entstehungsgeschichte, Aus- und Nachwirkungen des Buches „Der Kältesee“
Hans Geisslhofer

Persönliche Aufarbeitung der Familiengeschichte

24. Mai 2023/in Buch Kältesee/von Hans Geisslhofer

Aufgewachsen am Bauernhof meines Vaters, streifte ich als Kind mit meinem Hund Alfi gerne durch die Natur, musste aber auch bei der Arbeit der Eltern mithelfen. Oben am Waldrand waren noch Schützengräben vom Weltkrieg, dorthin lief ich dann immer, wenn mir die Erwachsenen auf die Nerven gingen. Die Mutter sorgte sich jedes Mal wegen möglicher Granaten, die auch schon öfter explodiert waren. Dahinter lag das große Gut Kyrnberg, das jetzt von der NÖ-Landwirtschaftsschule bewirtschaftet wird und welches uns früher mal gehört hatte. Mein Vater fluchte, dass sich dort die Politiker fette Posten geschaffen hätten, aber sich nicht um die Sorgen der einfachen Leute kümmerten.

Dann, in der Mittelschule in St. Pölten wurde ich als 12-jähriger Schüler eigenartigerweise als „Jud“ diskriminiert und von den Mitschülern gemobbt, was ich überhaupt nicht verstanden hatte. Aus dem Religionsunterricht wusste ich nur, dass die Juden Jesus getötet hätten, aber dafür konnte ich ja nun wirklich nichts …

In den Sommerferien, in Lunz am See, bei meinen Verwandten, der Familie Kupelwieser, war es immer sehr schön. Mein Bruder und ich wanderten mit der Mutter am Berg, ab und zu kam man an verlassenen Hütten vorbei, wo noch verrostete Motorenteile lagerten. Angeblich ließ Hitler seine Panzermotoren über eine Materialseilbahn hinaufbefördern, um sie dort auf die Kälteverträglichkeit der Motoröle prüfen zu lassen. Das war in der Senke des Grünlochs, auf 1300 m, unterhalb des Dürrensteins, wo sich durch Temperaturumkehr in eisigen Winternächten manchmal ein Kältesee bildete, in dem dann minus 50 Grad gemessen wurden …

Hans Geisslhofer als Gymnasiast am Gipfel des Dürnsteins bei Lunz, 1967

Das Schloss Seehof in Lunz, wo Mutter noch einen sechstel Anteil besaß, war vornehmer als der Bauernhof, aber die Leute etwas steif und man stritt oft heftig über Finanzen, Schulden und was weiß ich noch. Früher wären sie halt reich gewesen, jetzt sei alles so mühsam. Aus den Kindern aber – also aus uns –  sollte dann später jedoch wieder „was“ werden! So begann ich 1968 das obligate Studium in Wien.

Doch dem Zeitgeist entsprechend wurden aus uns bald „linke Hippies“, die sich mehr über den Hunger und die Ungerechtigkeiten in der Welt sorgten und ständig die Professoren beim Unterricht unterbrachen, als große Karrieren anzustreben. So schloss ich mich 1973 dann auch gleich einer „Brigade“ nach Kuba an. Dort arbeiteten wir am Bau einer Landarbeitersiedlung und diskutierten über deren „tropischen Sozialismus“ im Gegensatz zum Neokolonialismus im übrigen Südamerika. Abends schlurften wir Cuba Libre und Daiquiri und tanzten mit den Genossinnen Salsa, Son und Merengue zu afro-kubanischen Rhythmen.

Hans Geisslhofer beim Aufbau einer Landarbeitersiedlung in Kuba, 1973

Hans Geisslhofer beim Aufbau einer Landarbeitersiedlung in Kuba, 1973

Zurück in Lunz zeigte ich meinem Onkel begeistert die Dias aus Kuba, worauf er mich wütend anschrie, das sei doch eine Diktatur wie damals beim Hitler „und wenn wir dem Gauleiter nicht den halben Grund des gesamten Besitzes „geschenkt“ hätten, dann wären wir gar nicht mehr hier und ich  wäre nie auf die  Welt gekommen“. Auf meine Frage hin, was denn dem Gauleiter geschenkt worden wäre, murmelte er nur „Na ja..,  hmhm , Kyrnberg“. Damals verstand ich das leider noch nicht, aber es ist mir über all die Jahre hinweg im Gedächtnis hängen geblieben.

An der TU Wien studierte ich Raumplanung und wollte sofort danach in die Entwicklungshilfe gehen. 25 Jahre lang war ich in West- und Zentralafrika mit Projekten zu angepasster Technologie, Bewässerung, Waldschutz und Aufforstungsprojekten beschäftigt. Nur ab und zu flog ich in den Urlauben zu den Eltern nach Pyhra. Um das Jahr 2000 herum hatte die österreichische Regierung ein Abkommen mit den USA zur Restitution von noch verbliebenen arisierten Gütern unterzeichnet. Während eines Ausfluges nach Lunz fragte ich meine Mutter, wie die Geschichte mit dem Gauleitern denn damals gewesen sei, aber sie wollte sich nicht äußern. „Man solle nur nicht stirln“. Weiter bedrängen wollte ich sie nicht, ich war ja immer nur kurz zu Besuch.

Anfang 2004 starb sie dann mit 84 Jahren an einer plötzlichen Gehirnblutung. Nach dem Begräbnis, noch ganz in großer Trauer, beim Ausräumen ihrer Möbel, stieß ich zufällig auf eine große Anzahl an Schachteln, voll mit alten Briefen aus der Nazizeit. Sofort hatte sich ein neues Bild ergeben. Ich erfuhr, wie meine Mutter und ihre Geschwister ab 1938 immer wieder nach Berlin fahren mussten, um ihren „rassischen“ Status  als „Mischlinge“ aufbessern zu lassen. Mit Personalien über die Herkunft der Ahnen, Fotos für eine Gesichtsvermessung, Interventionen befreundeter Wissenschaftler und Mittelsmänner – um so eine sich immer drohender ankündigende Deportation abzuwenden. Auch fand ich Unterlagen darüber, dass das Gut in Lunz an den Gauleiter „verkauft“ werden sollte, um Schulden tilgen zu können, und dass dieser Interesse daran gezeigt hatte. Seltsam war nur die Tatsache, dass eine Tilgung der Schulden nie stattgefunden hatte, denn das andere Lunzer Gut hatte ja noch bis lange nach dem Krieg mit großen Schulden zu kämpfen. Um der Sache auf den Grund zu gehen, saß ich während meiner Urlaube tagelang am Grundbuch und im Landesarchiv St. Pölten. Die dortigen Mitarbeiter unterstützen meine Suche, es waren aber sehr viele Dokumente verschwunden und nicht mehr auffindbar. 2005 schickte ich eine Darstellung all der dokumentierten Geschehnisse an den Entschädigungsfond der Regierung.

Es ließ mir keine Ruhe und ich recherchierte weiter. 2010 fand ich dann in Lunz, in einem alten Bienenhaus der Familie Ruttner (Prof. Ruttner war der damaligen Leiter der biologischen Station), eine Mappe mit Korrespondenzen mit Nazi-Behörden. Es ging um das Problem der Abstammung der Kupelwieser Kinder (also auch meiner Mutter), für die der Professor nach dem Tode ihres Vaters Hans Kupelwieser (meines Großvaters) als Vormund fungiert hatte. Auch diese Dokumente reichte ich nach.

Jahre später bekam ich die Antwort, dass mein Antrag auf Entschädigung abgelehnt wurde. Man ging zwar auf 120 Seiten anscheinend auf einige, aber nicht alle Argumente ein, bemängelte jedoch, dass es eben keinen eindeutigen Beweis für eine, wenn auch nur versteckte Enteignung, gäbe. Man meinte, ich hätte selber dafür zu sorgen, dass alle verjährten oder vernichteten Unterlagen und Belege über eventuell nicht erfolgte Zahlungen eingebracht würden. Dass, auch im Gegensatz zu früheren Prozessen, die „Beweislastumkehr“ hier nicht gelten würde. Und man verwies darauf, dass der Gauleiter als Beamter des „strengen“ Nazi-Regimes – unter Ausnutzung der antisemitischen Bedrängnis der Familie Kupelwieser infolge ihrer jüdischen Wurzeln – gar nicht die Möglichkeit gehabt hätte, sich das Gut mit einem vorgetäuschten und unter Zwang abgeschlossenen Kaufvertrag persönlich einzuverleiben. Na ja.

Ich fühlte mich gedemütigt, aber dagegen gab es kein Rechtsmittel, keine Möglichkeit auch nur  irgendwie in Berufung zu gehen. Ebenso wurde ein zweiter Antrag, den ich mit Hilfe eines renommierten Historikers aus Wieselburg, der alles nochmals und viel genauer recherchiert hatte, einreichte, aus formalen Gründen abgelehnt.

All diese Recherchen einfach ad acta zu  legen ist für mich nicht in Frage gekommen. So entschied ich mich, ein Buch darüber zu schreiben. 6 Verlage erteilten mir eine Absage. Dann stieß ich auf einen  burgenländischen Verlag für Neuautoren, Novum, der aber im Vorfeld eine Finanzierung von mir verlangte. Nach einiger Zeit kontaktierten sie mich jedoch abermals und boten mir eine kostenlose Version an, da sie von der EU eine Förderung für solche ganz besonders interessante Geschichten bekommen hatten. Das hatte der damalige Bundeskanzler Schüssel ermöglicht, indem er dem Verlag einen Preis für das beste „Start-Up“ Unternehmen im Burgenland verliehen hatte. Diese EU geförderte Schiene nannte sich  dann „United PC“.

In der Zwischenzeit hatten sich auch in Lunz interessante Kontakte ergeben. Dr. Maria Leichtfried kopierte mir alte Fotos aus der biologische Station, wo sie und ihr Mann Arnold früher gearbeitet hatten. Über das Internet lernte ich Dr. Hella Buchner-Kopper, eine weit entfernte Cousine kennen, die im Jahr 2000 an der Uni Klagenfurt eine Dissertation über den Maler Maximilian Lenz, der mit meiner Großtante Ida Lenz-Kupelwieser verheiratet gewesen war, verfasst hatte. Auch besuchte ich die Insel Brioni in Kroatien, die mein Urgroßonkel Paul Kupelwieser entwickelt hatte, welche später von Mussolini beschlagnahmt worden war. Dort konnte ich mit der zuständigen Archäologin Dr. Mira Pavletic, noch viele Dossiers und Fotos austauschen. Auch meine französischen Verwandten aus der ehemals jüdischen Familie der Gorodetzkys aus Chişinău in Moldawien, deren Großeltern 1904 nach den Pogromen aus Russland über Pyhra nach Paris ausgewandert waren, und die später oft nach Lunz zu Besuch kamen, kopierten mir Fotos und Berichte  aus eigenen Beständen. Darunter die Geschichte der Ermordung des Bruders meiner Großmutter, Boris Gorodetzky, der 1942 aus Berlin nach Riga deportiert worden war. Diese meine Großmutter, Polya Kupelwieser, die 1956 starb und die ich sehr geliebt hatte, kam aus jener Mischpoke und hatte 1903 meinen Großvater Hans geheiratet. Sie hatte die Nazizeit nur mit viel Glück und beschützt von guten Freunden überlebt. Hans starb 1939 wegen der Diskriminierung der Familie und den ganzen Sorgen an Herzinfarkt. Ihr Erbe hatte sie dann gleich vorsichtshalber sofort an ihre Kinder übertragen. Auch eine andere entfernte Cousine aus der Familie Mautner Markhof, Christiana Schönborn-Buchheim, die 2018 leider verstarb, erzählte mir viel über ihre Kindheit in Brioni und zeigte großes Interesse an meinen Nachforschungen, obwohl auch in ihrer Familie nicht gerne darüber gesprochen worden war. Somit verfügte ich über ganz viel an Material, das nur darauf wartete, veröffentlicht zu werden.

Hans Geisslhofer vor dem Portrait seines Urahns Paul Kupelwieser in Brioni

Im Februar 2016 wurde die erste Auflage meines Buches vom „Aktionsradius Wien“ in der Arena Bar mit einer Lesung vorgestellt.

Ein weiterer Kontakt ergab sich zu Yvonne Illich aus Boston. Auch sie war eine, von ungerechten Entscheidungen Betroffene. Yvonne ist Nichte des berühmten kirchenkritischen Priesters und Pädagogen Ivan Illich. Ursprünglich aus Kroatien stammend, war seine Familie nach Wien gezogen, musste aber dann 1938, auf der Flucht vor den Nazis, ihre luxuriöse Villa Regenstreif in Pötzleinsdorf  zurücklassen. Illich war über Italien nach Mexiko geflohen, wo er dann als Professor und Systemkritiker Ruhm erlangte. Auch Yvonnes Fall war von der engagierten Filmemacherin Burgl Czeitschner in ihrem Film „Let’s keep it“ thematisiert worden. Sie bekam von mir dann einige Exemplare der englischen Version meines Buches, eines davon deponierte sie im US Holocaust Memorial Museum in Washington.

Ich hatte mich bereits 2017 dazu entschieden, das Buch in Englisch herauszubringen. Ein erster Entwurf, den ich mit Hilfe einer Google Übersetzung erstellt hatte, wurde dank der freundlichen Unterstützung der pensionierten Biologin Dr. Mary Morris aus Ascot bei London, die zuvor 7 Jahre lang an der biologischen Station in Lunz gearbeitet hatte, gegen einen bescheidenen Energieausgleich für native English adaptiert und ebenfalls von meinem Verlag herausgebracht. Danach schickte ich die deutsche und englische Version zum Holocaust Memorial in Jerusalem nach Yad Vashem, wo man mich zu einem Besuch einlud, den ich erst 2019 antreten konnte.

Im Jänner 2018 war ich mit Unterstützung des Österreichischen Kulturforums zu einer Lesung von Secret Nazi Cold Test Station in die Wiener Holocaust Library nach London eingeladen worden. Frau Susan Antscherl hat diese mit ihrer viel besseren Aussprache für mich übernommen. Ihr Mann, Fred Antscherl, war 1938 als Kind zu einem bereits zuvor geflüchteten Onkel nach London gekommen. Seine Familie, jüdische Besitzer eines Sportgeschäftes in Scheibbs, waren deportiert und ermordet worden. Im Anschluss an die Lesung kam es noch zu einer lebhaften Diskussion.

2019, auf meiner Reise nach Israel, ergab sich ein Kontakt mit der Anwältin Martha Raviv, die als Kind mit ihrer Mutter mehrere Konzentrationslager überlebt hatte. Sie und andere Anwaltskollegen, darunter Doron Weissbrod, den auch Yvonne Illich kannte, beschäftigten sich mit der Erforschung noch ungeregelter Arisierungen in Österreich (The committee for equitable Holocaust property loss) und verfassten 2010 einen Brief an den damaligen Außenminister Spindelegger. Sie argumentierten, dass das gesamte nicht restituierte jüdische Eigentum mehrere Milliarden US-Dollar ausmache und nicht nur mit den vorgesehenen 210 Millionen Dollar kompensiert werden könnte! Leider blieben sie damit erfolglos.

Auch in Niederösterreich hat mein Buch, sowohl im Raum Pyhra, als auch in Lunz, Scheibbs etc., viel Anklang gefunden. Viele ältere Bewohner haben mich darauf angesprochen. Sogar einige Klassenkameraden aus St. Pölten hatten es gelesen und zeigten sich rückblickend über die Szenen aus der Schulzeit betroffen – wobei man aber übereinstimmt, dass das eben der damalige Zeitgeist war und wir als Kinder die Hintergründe noch gar nicht verstehen konnten.

So schließt sich der Kreis meiner Kindheit und Jugend. Viele Fragen bleiben offen, weil durch vollkommen unnötige Schuldgefühle, Scham und einer leider noch sehr unsensiblen beharrlichen Verwaltung niemand an einer wirklichen Aufarbeitung interessiert ist.

Über mein Leben wurde ich im City und Campus Radio der FH St. Pölten ausführlich interviewt.

https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg 0 0 Hans Geisslhofer https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg Hans Geisslhofer2023-05-24 07:59:522023-07-04 11:18:24Persönliche Aufarbeitung der Familiengeschichte
Hans Geisslhofer

Die gescheiterte Restitution des Gutes Kyrnberg der Familie Kupelwieser

24. Mai 2023/in Buch Kältesee/von Hans Geisslhofer

2014 feierte die Landwirtschaftliche Fachschule Pyhra ihren 100-jährigen Bestand. Sie hat eine bewegte Geschichte. Und ein Jubiläum ist wohl Anlass genug, in diese Geschichte Einblick zu nehmen. In diesem kurzen Abriss geschieht das, um dabei die Stifterfamilie Kupelwieser, ihre Bedeutung und ihr Schicksal zu würdigen. Klarerweise ist es in einer historischen Rückschau wichtig, sich auf verlässliche Quellen zu berufen und dabei auch unangenehmen Details nicht auszuweichen. …

Die gescheiterte Restitution des Gutes Kyrnberg. Aus dem Buch „Das Erbe lebt“ von Dr. Johannes Kammerstätter und Nina Diesenberger

„Im Zweifel für den Gauleiter“ von Hans Geisslhofer

https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg 0 0 Hans Geisslhofer https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg Hans Geisslhofer2023-05-24 07:58:012023-06-04 14:51:53Die gescheiterte Restitution des Gutes Kyrnberg der Familie Kupelwieser
Hans Geisslhofer

Phyra, Verdrängung der Nazi-Vergangenheit

19. Dezember 2016/in Buch Kältesee/von Hans Geisslhofer

Meinbezirk.at / Redaktion Alisa Haugeneder

Phyra, Verdrängung der Nazi-Vergangenheit – Zum Artikel bei Meinbezirk.at

https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg 0 0 Hans Geisslhofer https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg Hans Geisslhofer2016-12-19 08:00:132023-07-04 11:36:44Phyra, Verdrängung der Nazi-Vergangenheit
Hans Geisslhofer

Lunz am See zur “Nazi-Zeit”

12. August 2016/in Buch Kältesee/von Hans Geisslhofer

Meinbezirk.at / Redaktion Roland Mayr

Lunz am See zur “Nazi-Zeit” – Zum Artikel bei Meinbezirk.at

https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg 0 0 Hans Geisslhofer https://www.hans-geisslhofer-kupelwieser.com/wp-content/uploads/2023/05/logo.svg Hans Geisslhofer2016-08-12 08:00:072023-07-04 11:37:19Lunz am See zur “Nazi-Zeit”

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